Die Aidsproblematik in Süd Afrika

Obwohl ich nun schon drei Mal als Teilnehmer des Ubuhlobo Projekts in Süd Afrika war, fällt es mir schwer die Aidsproblematik in diesem stark betroffenen Land genauer zu analysieren. Diese Thematik ist derart komplex, dass es in meinen Augen unmöglich ist alle nötigen Aspekte zu berücksichtigen. Jedoch will ich probieren die Dinge hervorzuheben, die mir immer wieder aufgefallen sind und die vielleicht die wichtigsten Eckpunkte darstellen.

In den letzten Jahren war ich zuständig für die Aidsprävention, die wir als Teil unserer Erste Hilfe Kurse an den verschiedensten Orten angeboten haben. Nach und nach wurde mir immer mehr bewusst, dass dieser Kurs wohl einer der Bedeutendsten Teile des Projektes ist. Aus diesem Grund habe ich immer probiert diesen Kurs bestmöglich an die Teilnehmer anzupassen.

Es macht einen enormen Unterschied, ob man den Kurs nun an der Universität in PE, in einer Kirchengemeinde im Township, für ländliche Bevölkerung außerhalb der Stadt oder für die Schüler einer High School hält. Ebenfalls sehr entscheidend ist die Altersklasse der Teilnehmer. Denn jeder Süd Afrikaner hat wohl schon von HIV und Aids gehört, aber die Diskrepanzen im Wissen über die Thematik sind erschreckend. So kann man davon ausgehen, dass die Studenten an der Universität, also junge Menschen im Alter von 20 bis 25 Jahren sowie Lehrer oder andere Erwachsene, die höheren Bildungsschichten angehören, die meisten Kenntnisse über das Thema haben. Am schlimmsten stellt sich die Situation für die Bewohner der Townships oder auch die Landbevölkerung dar. Dort ist meist nur sehr geringes oder falsches Wissen vorhanden, weswegen meiner Ansicht nach an diesen Orten die Notwendigkeit der Aidsprävention am dringendsten ist.

Ein von der Unkenntnis der Kursteilnehmer hervorgerufenes Problem ist die Gestaltung des Unterrichts. Ich probiere stets die essentiellen Dinge für die Vorbeugung hervorzuheben. Dies bedeutet z.B. nicht, dass ich den Leuten erzähle, was genau ein Virus ist oder was er genau mikrobiologisch gesehen im Körper verändert, sondern viel mehr was z.B. der Unterschied zwischen dem HI-Virus und der Krankheit Aids ist. In dieser Art gibt es viele verschiedene Einzelheiten, bei denen ich immer wieder feststellen musste, dass den Menschen in Süd Afrika das elementare Wissen über diese lebensbedrohliche Situation oft von Grund auf fehlt. Man ist dazu geneigt von europäischen Bildungsstandards auszugehen, was einem oft den Blick für das tatsächlich benötigte Wissen versperrt. Wirklich benötigt wird die genaue Kenntnis über die Möglichkeiten sich mit HIV zu infizieren und dies zu verhindern, wie man mit HIV-positiven Menschen umgeht und vor allem ein Gefahrenbewusstsein!

Folglich kommen wir zu den Auswirkungen der Problematik in Süd Afrika. Leider muss ich sagen, dass diese sich wohl meist auf die Todesopfer in den verschiedenen Familien beschränken. Es ist erschreckend, denn obwohl fast jeder etwas über Ansteckungsmöglichkeiten, etc. weiß, bleiben die Meisten doch untätig. Dies bedeutet, dass sich der HI-Virus bei einem Großteil der Bevölkerungsgruppen weiter ausbreiten kann, da schlicht weg nicht die richtigen Maßnahmen, wie z.B. Kondome, getroffen werden.

Erwachsene, egal ob mit oder ohne Partner, bekommen nach wie vor recht viele Kinder ungeachtet dessen, ob sie nun HIV-positiv sind oder nicht. Viele Geburten finden zuhause statt, sodass nie ein Test gemacht wird, wie es z.B. bei Schwangeren in Deutschland üblich ist. Auch die Männer lassen sich nicht testen, also kommen nach wie vor fast alle Kinder auf die Welt ohne zu wissen, ob sie infiziert sein könnten oder nicht. Dies bedeutet folglich, dass alle momentan lebenden Generationen potentielle Überträger des Virus sind. Erst jetzt, nachdem die Problematik bereits über 25 Jahre bekannt ist, beginnen die ersten Präventionsmaßnahmen allmählich zu greifen. D.h. die neue, junge Generation von Süd Afrikanern (vor allem die Studenten), ist sich der Gefahr bewusst und verhält sich dementsprechend vorsichtig. Die Verhütung beim Geschlechtsverkehr oder das Tragen von Handschuhen bei Blutkontakt ist für sie zu ihrem eigenen Schutz zur „Normalität“ geworden. Dennoch ist es nicht üblich getestet zu sein, daher gibt es auch in diesem Fall keine Gewissheit über eine Infektion.

Die Kinder und jungen Jugendlichen, so würde ich sagen, werden nicht mit dem Wissen über Aids erzogen. Natürlich ist es bei Kindern, wie z.B. auch in unserem Kindergarten nicht möglich, ein wahres Bewusstsein über die Gefahr zu schaffen. Dennoch wäre es möglich den Kleinen beizubringen, dass sie z.B. Blut von anderen Personen nicht berühren dürfen. Es ist alltäglich, dass Kinder sich beim Spielen verletzten (vor allem im Township) und deshalb auch häufig mit Blut in Kontakt kommen und sich so infizieren können. Doch bei solchen Situationen wird nicht über die Gefahr nachgedacht sowie aufgeklärt.

Bei den etwas älteren Kindern und den jungen Jungendlichen hat sich dies nicht verändert. Auch hier fehlt weiterhin die Kenntnis über Ansteckungsgefahren auch wenn diese nicht abnehmen. Wenn dann das Alter erreicht wird, in dem auch die Sexualität eine Rolle spielt, fehlt meist ebenfalls die Aufklärung. Ob dies nun nur aus kulturell bedingten Gründen oder anderen versäumt wird, ist schwer zu sagen. Tatsache ist jedoch, dass Kinder und Jugendliche meist erst durch Eigeninitiative in entsprechendem Alter die nötigen Informationen erhalten.

Deswegen denke ich, dass die allgemeinen Auswirkungen von Aids äußerst gering sind. Aufgrund der fehlenden Aufklärung der Bevölkerung, wird meist so gelebt, wie es schon immer war. Es gibt prinzipiell keine Einschränkungen was den Umgang mit der Gefahr betrifft, so bleiben also lediglich die vielen Toten zu beklagen, aktiv unternommen wird aber nahezu nichts.

Um diese Lage für die Kinder und Jugendlichen, aber auch für den Rest der Bevölkerung zu verbessern, gibt es nur eine Möglichkeit: die umfassende Aufklärung!

Man kann nicht speziell die Situation der Kinder verbessern, denn die ist abhängig von der, der Eltern, wie vom Rest der Bevölkerung. Man kann die Problematik nur als Ganzes behandeln.

Das Hauptproblem besteht darin, dass die Wenigsten sich mit der Aidsthematik ausreichend genug auskennen. Das dürftige vorhandene Wissen wird oft falsch zusammengeknüpft oder interpretiert, sodass zahlreiche Gerüchte oder auch Trugschlüsse über HIV und Aids aufkommen.

In den Schulen fehlt der nötige Unterricht, sodass die Kinder schon von klein an Bescheid wüssten. Andere Bezugspersonen, wie die Eltern oder KindergärtnerInnen kennen sich meist selbst nicht aus, weshalb auch hier kein Bewusstsein geschaffen werden kann.

Der Staat kümmert sich nicht ernsthaft um das Problem. So gab es sogar Präsidenten, die die gesamte Problematik verleugnet haben oder Gesundheitsminister, die einen Wurzeltee, als Heilmittel angepriesen haben. Daran ist ersichtlich, dass die Verbreitung momentan gar nicht eindämmbar ist.

Ich würde schätzen, dass ca. 80% der südafrikanischen Bevölkerung nicht ausreichend über Aids und HIV aufgeklärt sind. Wenn man nun bedenkt, dass gleichzeitig auch ca. 20% der Bevölkerung (die Dunkelziffer wird wohl noch weitaus höher liegen) HIV-positiv sind, wird einem klar warum sich alles nur sehr langsam verbessert.

Wie bereits gesagt, sehe ich die einzige Lösung darin ein umfassendes Aufklärungsprogramm zu starten, an dem jeder teilnehmen muss. Nur wenn wirklich alle über die Problematik informiert sind, gibt es eine wahre Chance im Kampf gegen Aids. Denn man muss bedenken, dass auch aufgeklärte Menschen den Virus verbreiten können und mit Sicherheit auch zum Teil würden. Sei es aus den verschiedensten Gründen.

In geringem Maße sind schon gute Ansätze für den Kampf gegen Aids zu erkennen, wie die kostenlosen Kondome in den öffentlichen Gebäuden. Allerdings ist dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein. In den meisten anderen Gebieten zeigt die Regierung kein Interesse gegen die Seuche vorzugehen. Aidsprävention geht meist von den Institutionen selbst aus. So wurden wir von der Uni, der Kirchengemeinde oder der Schule direkt eingeladen unsere Kurse zu halten. Es gibt nahezu keine staatlichen Aidsberatungsstellen, alles was wir kennengelernt haben waren private Programme, die solche Einrichtungen aufgebaut haben.

Da offensichtlich nur Wenige den Zugang zu richtigen Informationen haben, probiere ich stets unsere Kursteilnehmer anzuhalten ihr Wissen zu teilen. Ich probiere die aller wichtigsten Dinge zu vermitteln, die man kennen muss um sich und andere schützen zu können und probiere den Ernst der Lage zu schildern. Kaum jemandem ist klar, dass jeder 5. Süd Afrikaner HIV-positiv ist oder wie gefährlich und schrecklich Aids wirklich ist. Desweiteren verteilen wir ebenfalls Kondome, Erste Hilfe Handschuhe und Broschüren, sodass die Leute auch nochmal das gelernte nachlesen und umsetzten können und noch viel bedeutender, es verbreiten können. Leider können wir nur viel zu wenig Leute erreichen, aber so hoffen wir unseren „Einflussradius“ zu vergrößern, obwohl ich natürlich weiß, dass auch das die Situation nicht einfach so ändern wird. Aber es ist ein Anfang und je mehr Projekte vielleicht ähnliche Dinge tun, desto mehr kann man erreichen.

Abschließend bleibt mir nur zu sagen, dass der gesamten Bevölkerung geholfen werden muss, um damit schlussendlich auch den Kinder und alle weiteren Generationen zu helfen. Nur so kann man die negativen Auswirkungen, sprich die vielen Aidstoten, verringern und positive „Auswirkungen“, also ein Leben mit entsprechenden Schutzmaßnahmen vor dem Virus erreichen.

(Jérôme Bergmann)