Zu Hause in einer fremden Welt

Es ist Mittwoch, der 26.09.2007. Ein Piepsen ertönt, wir winken noch ein letztes Mal, der Zug, der uns zum Münchener Flughafen bringen soll, fährt los. Jetzt also steht sie uns bevor, die 30-stündige Reise, mehrere tausend Kilometer liegen noch vor uns. Noch immer bin ich am Zweifeln, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe, denn nie zuvor war ich für eine so lange Zeit so weit von zu Hause weg. Und ich weiß außerdem nicht, was mich in den nächsten Wochen wohl erwarten wird. Sobald ich allerdings das Flugzeug in Port Elizabeth/Südafrika verlasse, ist keine Zeit mehr zum Zweifeln, meine Gruppe und ich werden von den ersten Eindrücken überhäuft: Auf dem Weg zu unserer Unterkunft passieren wir ein Gebiet, in dem sich viele kleine Hütten befinden, welche nicht aus Stein erbaut sondern lediglich aus Wellblech zusammengenagelt wurden. Vor ihnen liegen Berge von Müll in denen viele Hunde wühlen; überall sind Mütter, die ihre Babies auf dem Rücken tragen, Kinder die barfuß auf der Straße spielen, ältere Damen die Säcke auf ihren Köpfen tragen und Männer die an ihren Autos, welche in unseren Augen wohl eher wie ein Stück Schrott scheinen, herumbasteln. Die untergehende Sonne taucht die Gegend in ein orangenfarbiges Licht. Im ersten Moment bin ich fürchterlich beeindruckt, jedoch ahne ich noch nicht wirklich, welche Armut sich doch hinter diesem lebhaften Ort verbirgt.

Was ich vor mir sehe ist ein sogenanntes Township. Diese Wohngegenden wurden in der Zeit der Rassentrennung, der Apartheid, für die schwarze Bevölkerung errichtet um sie von den Weißen zu trennen. Die Bevölkerung hat teilweise weder fließendes Wasser noch Strom; oft leben Familien von bis zu 12 Personen in einer einzigen Hütte, die ein einziges Zimmer umfasst. Genau gegenüber, auf der anderen Straßenseite, stehen riesige Villen, von Stacheldraht umzäunt, in denen Weiße leben. Schon jetzt wird der große Kontrast deutlich, denn die Kluft zwischen arm und reich ist in Südafrika sehr groß.

Dieses Township ist also der Ort an dem unser Team für die nächsten drei Wochen arbeiten wird: 6 Schüler unseres Gymnasiums, 2 Ehemalige und ein pensionierter Lehrer unserer Schule, Herr Meder, sind hierher gekommen um die Menschen ein wenig zu unterstützen. Die  Hauptaufgabe unseres Projektes, welches den Namen „Ubuhlobo“ trägt ( Das Wort stammt aus der Xhosasprache und bedeutet „Freundschaft“), besteht nicht darin, den Menschen Geld zu bringen, sondern etwas, das sie noch viel dringender brauchen: Bildung. Diese soll ihnen in Form von Erste Hilfe Kursen und Aidsprävention näher gebracht werden. Letzteres spielt eine wichtige Rolle für ein Land, in dem zwischen 15 und 50 Prozent – die korrekte Zahl lässt sich durch die hohe Dunkelziffer nicht einmal annährend bestimmen- den Aidsvirus in sich trägt. Wir erklären den Menschen, wie man sich mit HIV infiziert und wie man sich dagegen schützen kann, da auf diese Frage nur wenige die korrekte Antwort wissen: Viele sind im Glauben, der Verzehr von Knoblauch und eine tägliche Dusche könnte HIV-Positive heilen- kein Wunder, da Südafrikas Gesundheitsministerin genau dies erst vor kurzem im Fernsehen voller Überzeugung verkündet hat.

Schon am zweiten Tag lädt uns der Chor einer Kirchengemeinde zu einem kleinen Konzert ein. Sie singen extra für uns, bewegen sich und tanzen dazu, ihre durchdringenden und warmen Stimmen sorgen für Gänsehaut. Plötzlich kommen sie auf uns zu, jeder nimmt einen unserer Gruppe an die Hand, sie wollen dass wir mit ihnen tanzen und singen. Ihre Musik zieht uns in ihren Bann, wir wissen gar nicht wie uns geschieht, doch bald singen wir mit ihnen in einer uns eigentlich fremden Sprache und fühlen uns durch die herzliche Art des Chores nicht wie Fremde, es ist schon als wären wir Teil dieser Gruppe. Das Mädchen, mit dem ich tanze ist etwa in meinem Alter, vielleicht auch ein paar Jahre jünger. Sie fragt in gebrochenem Englisch, ob sie mich um etwas bitten könne. Ich erfahre, dass der Chor bald einen Ausflug nach Johannesburg machen würde, für welchen sie schon lange Zeit spart, doch sie weiß nicht, wie sie das letzte Geld  auftreiben soll. Ich frage sie, wieviel sie denn brauche und sie antwortet mir, dass ihr 5 Rand fehlen, umgerechnet 50 Cent. Für mich ein bedeutungsloser Betrag, doch für das Mädchen sehr entscheidend. Eine Tatsache, die mir sehr zu Denken gab. Im Tanzen führen die Leute uns in ein Nebenzimmer, in welchem uns ein reichlich gedeckter Tisch erwartet: Fleisch, Salat, Brot und Cola, alles für uns. Erst später erklärt uns Herr Meder, dass sich diese Menschen für sich selbst niemals so ein üppiges Essen leisten könnten, sie haben ihr ganzes Geld zusammengelegt um uns einzuladen. Ich stelle mir die Frage, wer wir eigentlich sind, dass wir so etwas verdient hätten. Eine Gruppe deutscher Schüler, mehr nicht. Doch diese Menschen sehen viel mehr in uns. Grundsätzlich kommen keine Weißen in die Townships. Sie haben Angst aufgrund der hohen Kriminalitätsrate (Während unserem Aufenthalt hörten wir mehrmals im Radio dass Menschen im Township erstochen oder erschossen wurden) oder wollen sich einfach von den Ärmeren distanzieren.  Einzig unsere Anwesenheit ist es, die die Menschen aus dem Township glücklich macht:Jedes Mal wenn wir in unserem kleinen Bus durch ihre Straßen fahren, winken uns die  Leute, sehen sie uns irgendwo stehen dann kommen sie her, umarmen uns und erwähnen wie froh sie doch sind, dass wir sie besuchen. Einmal kam sogar eine Frau zu einem Mädchen aus unserer Gruppe, drückte sie ganz fest und meinte „Danke dass ihr hier seid. Ich weiß, ihr tut hier Gutes. Ich bin euch so dankbar. Ich liebe euch.“ Diese Momente waren die, die jeden von uns bis aufs Tiefste gerührt haben, und die wir auch nie wieder vergessen werden.

Neben den Kursen haben wir noch ein zweites großes Aufgabengebiet: Das Ubuhlobo-Projekt unterstützt schon seit einigen Jahren einen Kindergarten im Township, in welchem wir im Laufe unseres Aufenthaltes viele lustige, schöne und auch anstrengende Stunden verbringen. 60 Kinder und 2 Erzieherinnen warten am ersten Tag auf uns, sobald wir den Raum betreten bricht eine große Euphorie aus: Innerhalb weniger Sekunden sind wir von vielen Kindern umzingelt, sie alle wollen dass man sie auf den Schoß nimmt. Wir spielen, tanzen, singen, malen mit ihnen und füttern die ganz Kleinen. Vor dem Kindergarten steht ein Spielplatz, den das Projekt vor einigen Jahren gebaut hat, doch leider ist er inzwischen total kaputt. Wir beschließen, wieder alles zu reparieren. Neue Schaukeln werden bestellt und von uns befestigt, eine Firma, die den Sandkasten vergrößert und wieder neu mit Sand befüllt wird angeheuert. Gleichzeitig befestigen sie noch ein kleines Dach als Regenschutz vor dem Eingang des Kindergartens und schließlich pflanzen wir noch drei Bäume. Bald schon verbringen wir die meiste Zeit mit den Kids im Freien, sie spielen im Sandkasten, klettern und sie schaukeln. Niemals werde ich das Strahlen in den Augen eines kleinen Mädchens vergessen, als sie auf der Schaukel saß und vor Freude laut lachte. Dies war für mich einer der Momente, in dem ich sehen konnte, dass die Arbeit nicht umsonst war, sondern kleine Kinderherzen glücklich gemacht hat.

Einige Tage später sind wir bei einer Jugendgruppe eingeladen. Wir lernen viele junge Menschen kennen, spielen Spiele, führen interessante Gespräche, singen mit ihnen und bringen ihnen auf ihren Wunsch hin etwas Deutsches bei: 20 Minuten später singen 20 afrikanische Jugendliche Nenas Klassiker „Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann“.

Unsere Wochenenden nutzen wir für die Landeserkundung: In verschiedenen Safariparks sehen wir Elefanten, Löwen, Giraffen, Tiger, Zebras, Nashörner und vieles mehr. Wir fahren zudem in eine Halbwüste, deren wunderbare Landschaft uns alle fasziniert. Auch verbringen wir einen halben Tag am Traumstrand von Jeffrey’s Bay, einem der berühmtesten Strände für Surfer und besuchen dort die Gründerin der Surfer-Kleidermarke „Billabong“ in ihrem traumhaften Strandhaus mit Meerblick.

Sehr beeindruckend ist auch, was wir an einem Sonntagmorgen erleben. Es ist angekündigt, dass wir heute einen Gottesdienst besuchen werden. Doch gegen unsere Erwartungen betreten wir kein riesiges Kirchengebäude sondern lediglich eine winzige Hütte. In ihr sind viele Stühle aufgestellt, wir sollen uns in die erste Reihe setzten. Plötzlich beginnt die Musik. Es ertönt keine Orgel, stattdessen dröhnt fetzige Popmusik aus einer Musikanlage. Egal ob jung oder alt, Männer oder Frauen, alle springen auf einmal auf und beginnen zu tanzen. Ehe ich merke wie mir geschieht kommt der Pfarrer, ein Mann ende 50 zu mir, nimmt meine Hand und fordert mich zum Tanz auf. Nach einem kurzem Schrecken lasse ich mich darauf ein, neben mir entdecke ich die anderen der Gruppe, die ebenfalls mit den schwarzen Männern und Frauen tanzen. Wir alle singen zusammen die kurzen englischen Lieder in denen Gott gepriesen wird, doch dabei fühlen wir uns weniger wie in einer Kirche, die Atmosphäre erinnert viel mehr an eine große Party. Plötzlich verstummt die Musik, die Leute setzten sich wieder, ein Mann flüstert mir zu, dass nun gebetet wird. Ich gehe davon aus, dass sich gleich der Pfarrer vor die Gemeinde stellt und das Gebet spricht während alle stumm zuhören und mitbeten. Doch es kommt ganz anders: Plötzlich ertönen Schreie. Jeder betet für sich, aber auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise. Der Mann mir gegenüber hat die Augen geschlossen, er schlägt mehrmals mit seiner Faust auf den Boden, er hat eine wütende Stimme, es scheint als wäre er böse auf Gott. Neben ihm sitzt eine junge Frau auf einem Stuhl, sie zittert und weint ganz leise. Plötzlich tritt eine ältere Frau in die Mitte und kniet sich nieder. Sie schreit als hätte sie starke Schmerzen. Drei Männer kommen, legen ihre Hände auf ihren Kopf und murmeln etwas vor sich hin. Das Schreien der Frau wird lauter und lauter, bis es verstummt. Die Alte steht auf, öffnet die Augen und lacht. Die Musik beginnt wieder. Die Frau singt und tanzt, und wir alle machen mit.

Irgendwann sind wir dann schon an unserem letzten Tag angelangt. Nachdem wir im Kindergarten sind, holt und ein Kirchenmitarbeiter ab, er möchte mit uns zu Fuß in das Township, uns alles noch einmal von der Nähe zeigen. Wir folgen ihm die unebene Straße entlang, links und rechts stehen wieder Menschen die uns freundlich zuwinken und uns grüßen. Plötzlich stehen wir vor einer Wellblechhütte die aussieht, als wäre sie kurz vor ihrem Zusammensturz. Ich gehe davon aus, dass sie nur noch als Garage verwendet wird, wenn überhaupt. Ich möchte mich versichern und frage unseren Führer. „Nein“ sagt er. „Darin lebt eine Familie“. Im selben Moment merke ich, dass  sich direkt neben uns ein Friedhof befindet. Ein Friedhof, auf dem Leute begraben sind, die in ihrem Leben wahrscheinlich nie ein anderes Land gesehen haben, geschweige denn überhaupt das Township verlassen konnten. Menschen, die jeden Tag hoffen mussten, dass sie genügend zu Essen haben werden, die in ihrem ganzen Leben weder einen Fernseher, ein Handy oder gar ein eigenes Bett besaßen. Vielleicht sind sie an Aids gestorben, verhungert oder waren Opfer eines Kriminellen. „Was ist das für ein Leben, so kann man doch nicht glücklich sein?“ frage ich mich, als mir Tränen in die Augen schießen. Da denke ich plötzlich an die fröhlichen Kinder im Kindergarten, die tanzenden Menschen in der Kirche, die Leute, mit denen wir bei den Erste Hilfe Kursen so viel gelacht haben. Und dann bin ich mir langsam aber sicher im Klaren darüber, dass diese Menschen sehr wohl glücklich sind. Denn materielle Dinge sind für sie ohne große Bedeutung. Etwas, das in unserer Kultur für die Meisten nahezu unvorstellbar ist.

Es waren sehr viele unterschiedliche Eindrücke, die die Anderen und ich in unserer Zeit in Südafrika gewonnen haben. Nicht nur, dass wir ein Land besichtigen konnten, dessen Landschaft eine unheimliche Schönheit in sich trägt. Hauptsächlich die schwarzen Menschen mit ihrer lieben, warmherzigen Art, welche mir das Gefühl gab, dass ich nicht fremd bin sondern dazugehöre, machten diesen Aufenthalt für mich zu etwas, was ich mein Leben lang niemals vergessen werde.

Es ist Sonntag, der 21.10.07. Ein Piepsen ertönt, die Tür öffnet sich. Gleich steige ich aus dem Zug aus und ich kehre in mein Alltagsleben zurück. Ich denke an meine anfänglichen Zweifel und muss schmunzeln. Denn nun kann ich zweifellos sagen, dass die  Entscheidung mitzukommen wohl die beste Entscheidung meines Lebens war.

Lea Dauenhauer